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Kritische Einstellungen zur Organtransplantation - akzeptable und inakzeptable

Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.
(Matthäus 26, 41)

Gegner von Organtransplantationen sind nicht unsere Gegner! Die persönliche Entscheidung gegen eine eigene Organspende vor oder nach dem Tod ist völlig akzeptabel. Aber nur, wenn diese Mitbürger konsequent sind und nicht letztlich dann doch ein Organ von einem Verstorbenen haben wollen und annehmen, wenn sie eines brauchen. Darauf hinzuweisen, betrachten wir als Teil unserer öffentlichen Bildungsarbeit.

Also: Ja zum Nehmen – Ja zum Geben. Nein zum Geben – Nein zum Nehmen.

Auch Gegner des Konzepts „Hirntod“ sind nicht unsere Gegner. Wir sind davon überzeugt, dass der Hirntod ein praktikables und akzeptables Kriterium ist, den endgültigen Tod eines Menschen festzustellen. Wer aber dieses Konzept für sich persönlich ablehnt, verdient Respekt – aber nur, wenn dann die Annahme eines Organs von einem im Hirntod verstorbenen Menschen selbstverständlich nicht mehr in Frage kommt. Leider duldet das herrschende System solch inkonsequentes und moralisch fragwürdiges Verhalten. Darauf weisen wir die Menschen hin, v.a. die Gegner des Hirntod-Konzepts.

Also: Ja zum Nehmen – Ja zum Geben. Nein zum Geben – Nein zum Nehmen.

Den Widerstand gegen unsere Kampagne und unsere Ziele sehen wir v.a. bei zwei Gruppen: bei den Vertretern des „Weiter so“ und bei den Inkonsequenten. Beide Verhaltensweisen sind nach unserer Auffassung unverantwortlich.

Die Spenderzahlen gehen seit Jahren zurück, Deutschland ist international Schlusslicht, die Wartelisten werden immer länger – und dennoch ist die Einstellung des Weiter so!  weit verbreitet. Es gibt sie in großen Teilen der Politik und in Teilen der Ärzteschaft. Sogar manche Selbsthilfeorganisationen, die ja eigentlich für die Betroffenen (auch die von morgen) arbeiten sollten, beschränken sich auf das Werben um die Spendebereitschaft und lehnen es ab, Systemreformen politisch einzufordern.

Auch die Kirchen, die evangelische ebenso wie die katholische Kirche, sind Vertreter des Weiter so!. Sie befürworten zwar die Organtransplantation, betrachten die Organspende als Tat der Nächstenliebe und werben auch dafür. Aber sie sind gegen die Widerspruchslösung, weil sie darin, ähnlich wie manche Politiker, eine Einschränkung der individuellen Handlungsfreiheit sehen. Damit verwechseln sie aber „Widerspruchslösung“ mit „Staatseigentum an den Organen Verstorbener“. Es gibt Befürworter dieses letzteren Konzepts, wir gehören nicht dazu.

Diesem Verhalten des Weiter so! muss eine Alternative entgegengesetzt werden. Und das wollen wir tun, auch wenn wir uns damit  nicht nur Freunde machen.

Die Inkonsequenten sind die, die im Falle der eigenen Not ein postmortales Spenderorgan annehmen würden, selbst aber nach ihrem Tod nicht spenden wollen oder sich zu keiner Entscheidung durchringen. Ob in voller Absicht oder aus Nachlässigkeit – diese Menschen verhalten sich nach dem Motto „Nehmen? ja! – Geben? nein!“. Und es drohen ihnen keine Konsequenzen. Vielmehr wird ihnen  dieses Verhalten durch die moralisch so hochgelobte „Entscheidungslösung“ besonders leicht gemacht.

Zu den Inkonsequenten gehört auch  der Verein “Kritische Aufklärung über Organtransplantation” (KAO). Dessen “kritische Aufklärung” besteht allein darin, Behauptungen zusammenzustellen und zu verbreiten, die beweisen sollen, dass ein Mensch im Hirntod nicht, noch nicht oder nicht ganz tot sei.

Wir halten diese Behauptungen sämtlich für nicht stichhaltig, sondern glauben, dass der Mensch nicht noch toter sein kann als nach Eintritt des Hirntods. Gleichzeitig akzeptieren wir aber auch die persönliche Meinung der Vereinsmitglieder von KAO über Tod und Hirntod. Wir akzeptieren auch die aus dieser Meinung resultierende Haltung, nämlich dass eine postmortale Organspende abgelehnt wird.

Allerdings ist es bemerkenswert, dass die KAO-Leute nur die Seite des Gebens sehen und damit die postmortale Organspende ablehnen – aber über die Seite des Nehmens kein Wort verlieren. Ist es Inkonsequenz, Unehrlichkeit, Blindheit oder Verbohrtheit, dass die KAO-Leute über die Konsequenz, die aus ihrer Haltung folgt, nämlich dass dann auch die Annahme eines Organs von einem im Hirntod Verstorbenen nicht in Frage kommt, schweigend hinweggehen?

Gegen die Organspende nach dem Tod ins Feld zu ziehen, aber die Annahme von postmortal gespendeten Organen nicht kritisch zu thematisieren, ist nach unserer Auffassung unverantwortlich, weil es den Tod auf der Warteliste fördert.

Von Leuten wie denen von KAO erwartet man keine moralische Orientierung (nur Konsequenz). Aber von den Kirchen erwartet man eine solche Orientierung schon – und sie verstehen sich ja auch selbst als moralische Instanz. Leider halten sie sich in der Frage “Geben – Nehmen” von postmortalen Organen auffallend zurück. Die Kirchen befürworten zwar das Konzept des Hirntods (im Unterschied zu KAO) und rufen zur postmortalen Organspende auf.  Dabei verteidigen sie auch – zu Recht – das Recht auf ein Nein zur eigenen Organspende nach dem Tod. Aber sie schweigen – ähnlich wie KAO – zu der Frage, was aus einem solchen Nein folgen müßte.

Wir vermissen eine Aussage der Kirchen von folgender Art:

Wenn Sie sich nicht zu einer Organspende nach Ihrem Tod durchringen können oder sich gar bereits entschieden haben, eine Organspende abzulehnen, dann ist das völlig in Ordnung. Aber Sie sollten einen Moment innehalten und sich fragen: Wie ist es, wenn ich selbst  ein Organleiden entwickle, oder meine minderjährige Tochter oder mein Sohn davon betroffen ist? Würde ich ein Organ von einem Verstorbenen für mich oder für das Kind annehmen? Wäre ich, was mich betrifft, so stark, Nein zu sagen? Hätte ich, was meine Kinder betrifft, das Recht, Nein zu sagen? Das sind schwierige Fragen. Nun: denken Sie auch daran, dass schon die Bibel weiß: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.Wenn Sie so ehrlich zu sich selbst sind, dass Sie sagen müssen, ich würde mein Nein zum Annehmen eines Organs wohl nicht durchhalten können – dann sollten Sie sich auch fragen, ob dann ein Nein zur aktiven Organspende nach Ihrem Tod, oder auch nur ein “Seh’n wir mal”, noch in Frage kommen kann.

Als Bürger und Mitglied einer der Kirchen würde man sich wünschen, dass die Kirche eine solche Ansprache an die Bürger als eine gerade ihr zukommende Aufgabe betrachtet. Aber da ist nichts dergleichen in Sicht.

Zusammengefasst lautet unsere Haltung:

  1. Ein Nein zur eigenen postmortalen Organspende ist völlig in Ordnung.
  2. Diese Haltung erfordert aus logischen und moralischen Gründen auch ein Nein zum Empfang eines Organs von einem verstorbenen Menschen.
  3. Dieses konsequente Nein zum Empfang eines Organs kann auch im Rahmen einer Widerspruchslösung nicht erzwungen werden. Und wir stehen dazu.
  4. Wir fordern aber alle diejenigen, die – zu Recht – das mögliche Nein zur aktiven postmortalen Organspende  schützen und verteidigen, auf, immer wieder darauf hinzuweisen, dass sowohl die Haltung „Nehmen? ja – Geben?  nein“ als auch die Haltung „Nehmen? ja – Geben? seh’n wir mal” unmoralisch ist. Es sind manche Politiker, aber auch die Kirchen, die sich scheuen, den Menschen diese Konsequenz vor Augen zu halten.

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Eine Mahnung von 1970 (!) -- leider immer noch angebracht

"Bei der Organtransplantation muss die Gesellschaft letztlich eine harte Entscheidung treffen: Vorrang für das Leben oder für Tabus?"

Jesse Dukeminier Jr.

Persönlich betroffen

Die Interessen der persönlich und familiär vom Organmangel Betroffenen -- auch die der zukünftig Betroffenen -- finden politisch nur unzureichend Gehör. Durch Bildungsarbeit, Aufklärung und gute Argumente setzen wir uns für Reformen ein, die allen nützen.