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Organkrise: Die fragwürdige Duldung des Schwarzfahrens

Stellungnahme vom 06. März 2019

Wer in der Straßenbahn oder im Intercity schwarzfährt, zahlt ein saftiges Bußgeld, wenn er oder sie erwischt wird. Die meisten Menschen finden das Schwarzfahren unfair und die Buße gerechtfertigt. Warum? Weil Schwarzfahren bedeutet, auf anderer Leute Kosten zu fahren.

Auf Kosten anderer: das gibt es auch bei der Organspende -mit dem  Unterschied: dort ist es erlaubt. Jemand, der keine Organe nach seinem Tod spenden will (was völlig in Ordnung ist), aber schließlich selbst ein Organ benötigt, muss genauso lange warten, wie jemand, der sich zur postmortalen Organspende bereit erklärt hat. Der letztere würde nach seinem Tod anderen Menschen neues Leben schenken. Der erstere würde die Organspende anderer Menschen in Anspruch nehmen, aber nicht selbst geben.

Aber ist das vergleichbar - in der Bahn korrekt zu bezahlen und bereit  zu sein, nach dem Tod Organe zu spenden? Jedenfalls ist beides unfair, das wird man nicht bestreiten können. Aber in den Konsequenzen liegt der Unterschied. Beim Schwarzfahren in der Bahn sind die Konsequenzen nur finanzieller Art und vergleichsweise eine Lappalie. Ganz anders bei der Organspende. Dort geht es um Leben und Tod.

Die Toleranz gegenüber dem „Schwarzfahren" bei der Organspende wird meist damit begründet, dass nur medizinische Kriterien und die Situation der Kranken eine Rolle spielen sollen, aber nicht, wie er oder sie sich in einer bestimmten Frage entschieden hat oder sich verhält. Diese Ansicht ist sicher vertretbar. Aber man muss doch auch die Konsequenzen sehen: mangelnde Fairness und vermeidbare zusätzliche Todesfälle. Eine Regelung, die derartige Konsequenzen in Kauf nimmt, kann man wohl als fragwürdig bezeichnen.

Eine harsche Alternative zur Duldung des Schwarzfahrens wäre, den Menschen, die einer postmortalen Organspende widersprochen oder ihr nicht zugestimmt haben, im Fall ihrer eigenen Not Organe zu verweigern. Aber diese krasse Haltung ist gar nicht nötig, denn es gibt eine weichere Lösung, in der niemandem ein Organ verweigert wird: Wer nicht zugestimmt hat, bekäme Minuspunkte auf der Warteliste, wer zugestimmt hat, erhielte dagegen Pluspunkte. Bonus-Punkte verkürzen die Wartezeit, Malus-Punkte verlängern sie. Eine solche Regelung, die sehr maßvoll gestaltet werden könnte, vermeidet Härten, berücksichtigt, dass Schwarzfahren unfair ist, und senkt die Zahl unnötiger Todesfälle.

Eine Bonus-Lösung existiert in Israel seit etlichen Jahren mit großem Erfolg. Die Bereitschaft zur postmortalen Organspende ist dort seit der Einführung stark gestiegen. Bei uns wäre eine Umsetzung von Bonus bzw. Malus durch Eurotransplant grundsätzlich sehr einfach.

Ein Bonus-Malus-System lässt sich mit der Zustimmungs- ebenso wie mit der Widerspruchsregel verbinden. Gegenwärtig ist es ja zweifelhaft, ob sich der Bundestag zur Widerspruchslösung durchringen kann. Falls es bei der Zustimmungslösung bliebe, sollte diese aber zukünftig wenigstens mit einem elektronischen Register der spendebereiten Bürgerinnen und Bürger sowie mit einer Bonus-Regelung verbunden werden.

Die Widerspruchslösung dagegen wäre für die Patienten auf der Organ-Warteliste sicher das Beste. Sie würde ein elektronisches Register zwingend erforderlich machen und würde eine Bonus-Malus-Lösung ermöglichen. So eine Regelung wäre ehrlich und fair - und es gäbe weniger Tote auf der Organ-Warteliste.

Dr. Rigmar Osterkamp, Gründungsmitglied


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