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Tag der Organspende: wieder ohne Reformdiskussion

Stellungnahme vom 05. Mai 2019

Der diesjährige Tag der Organspende, am Samstag 1. Juni in Kiel, wird, wie immer, vielfältige sachliche Information rund um das Thema Transplantation und Organspende bieten, aber, wie immer, einen Themenbereich ausblenden: Die Ursachen des Mangels an transplantierbaren Organen, die Möglichkeiten gesetzlicher Reformen und die Regelungen in anderen Ländern, die den Tod auf der Organ-Warteliste erfolgreicher bekämpfen als wir in Deutschland.

Warum diese Zurückhaltung? Der Tag der Organspende, seit 1983 jährlich an wechselnden Orten begangen, geht auf eine Initiative der Selbsthilfeorganisationen zurück, die den Organspendern – den lebenden, den verstorbenen und ihren Angehörigen – ihren Dank ausdrücken wollen. Daher hat man sich anfangs auf sachliche, v.a. medizinische Information und auf Appelle zum Unterzeichnen eines Spenderausweises beschränkt. Das war damals verständlich und angemessen, denn die Hoffnung war ja nicht unrealistisch, durch Appelle irgendwann steigende Spenderzahlen zu erreichen. Aber es kam anders. Statt zu steigen, befinden sich die Spenderzahlen – grob gesprochen – seit zehn Jahren im freien Fall. Das hat aber am Konzept des Tags der Organspende nichts geändert. Man beschränkt sich weiter aufs Danken, Aufklären und Appellieren. Gesetzliche Reformmöglichkeiten sind kein Thema.

Organisatorisch und finanziell unterstützt wird der Tag der Organspende von der Deutschen Stiftung Organtransplantation, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, von Krankenkassen und Ärzteverbänden. Dass diese Institutionen und Verbände sich mit Aussagen zu Reformmöglichkeiten oder gar mit Reformforderungen zurückhalten, ist verständlich. Aber dass die Selbsthilfeorganisationen bei ihrer sachlichen Aufklärungsarbeit den Reformaspekt aussparen, über den man ja genauso sachlich aufklären könnte, ist weniger leicht verständlich. Es mag daran liegen, dass die Ansichten der Mitglieder in der Reformfrage zu unterschiedlich sind. Teils aber liegt es wohl auch daran, dass einige Selbsthilfeorganisationen bisher nicht festgestellt haben, welche Reformansichten bei den Mitgliedern überhaupt bestehen.

Wir vom Verein „Gegen den Tod auf der Organ-Warteliste e.V.“ wollen zur Linderung des Organmangels v.a. dadurch beitragen, dass wir die Diskussion um Reformmöglichkeiten intensiv führen und sie in die Gesellschaft, aber auch in den Bundestag hineintragen. Dabei verhehlen wir nicht, dass wir die Widerspruchslösung (und weitere Reformen) für einen richtigen Weg halten.

Die Reformdiskussion hätten wir gerne auch in den Tag der Organspende eingebracht, und zwar als offizieller Teilnehmer. Daher hatten wir den veranstaltenden Gruppen vorgeschlagen, dass neben den üblichen Zelten für Niere, Leber, Lunge, Herz, ärztliche Aufklärung, Kinder, Sportler, Angehörige von Organspendern, Krankenkassen und anderes mehr (teils gibt es jeweils mehrere dieser Zelte) diesmal auch wenigstens ein „Reformzelt“ dabei sein sollte, in dem Gruppen mit Reformideen ihre Ansichten unter einander und mit dem Publikum austauschen können. Unser Antrag wurde jedoch abgelehnt – wie schon im letzten Jahr. Natürlich nicht, weil man nicht über Reformen diskutieren wollte, sondern aus „Platzgründen“. Außerdem sei unser Antrag zu spät gestellt worden.

Beim diesjährigen Tag der Organspende wird also erneut alles beim Alten bleiben. Dazu gehört auch der traditionelle und immer sehr schön gestaltete ökumenische Gottesdienst, mit dem der Tag begonnen wird. Aber auch dabei wird vermutlich wieder ein Aspekt fehlen, der schon im letzten und im vorletzten Jahr (und wohl immer schon) gefehlt hat: nämlich die ja eigentlich selbstverständliche Aussage, dass jemand, der ein Spenderorgan annehmen würde, auch einen Organspenderausweis unterschrieben haben sollte. In einer christlichen Kirche ist diese Aussage besonders selbstverständlich, weil sie aus dem Neuen Testament folgt. Bei Matthäus 7, 12 heißt es: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen.“ (Inhaltlich identisch auch bei Lukas 6, 31.) Indes, eine solche Ansprache hieße ja, den Menschen ins Gewissen zu reden. Aber damit will man die Besucher des Gottesdienstes dann besser doch nicht belasten.

Nach der erneuten Ablehnung unserer Teilnahme werden wir, genau wie im letzten Jahr in Saarbrücken, uns selbst eine „Wildcard“ ausstellen und, wie im letzten Jahr, am Rande der offiziellen Zeltstadt unseren Infostand aufschlagen. Wir hoffen, dass wir, wie im letzten Jahr, wieder mit vielen Bürgern ins Gespräch kommen, v.a. mit solchen, die gar nicht die Absicht haben, den offiziellen Tag der Organspende zu besuchen, aber bei uns hängen bleiben. Wir sprechen dann mit ihnen über Reformmöglichkeiten, Regelungen in anderen Ländern und über ein Verhalten gemäß der Goldenen Regel bei Matthäus, Lukas und Kant. Und auf die Vorzüge der Widerspruchslösung werden wir dabei wohl auch zu sprechen kommen.

Besuchen Sie uns an unserem Independent-Stand in Kiel, Asmus-Bremer-Platz, am Samstag, 1. Juni, ab 10 Uhr, bzw. nach dem Gottesdienst ab etwa 11.30 Uhr!

Dr. Rigmar Osterkamp


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Eine Mahnung von 1970 (!) -- leider immer noch angebracht

"Bei der Organtransplantation muss die Gesellschaft letztlich eine harte Entscheidung treffen: Vorrang für das Leben oder für Tabus?"

Jesse Dukeminier Jr.

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